In meinem Arbeitsfeld wird gerade viel über Selbstbezeichnung diskutiert. Ob jetzt Theatervermittlung, Theatervermittlungskunst, Theaterlabor, irgendwas dazwischen oder Theaterpädagogik kann ja jede*r für sich selbst entscheiden. Ich bleibe erst einmal definitiv bei letzterem. Aus voller Überzeugung.
Theater ist für mich Kunst, Kultur, Experimentierraum, Freiraum und Brücke. Das ist also schon gegeben in meinem Beruf. Aber die Sache ist ja die:
Für die meisten Berufe am Theater lernt man ein Handwerk. Dazu kommt bei Theaterpädagogik eben noch die Pädagogik.
Wenn am Theater verschiedene Berufsgruppen aufeinander treffen, besprechen sie die Überschneidungen ihrer Fachbereiche auf Augenhöhe (also zumindest bestenfalls……….), alle haben ihre Fachsprache, Erfahrung und Kompetenzen. Und trotzdem mangelt es viel zu oft am Verständnis füreinander. Da feuert die Regie drauf los, da droht die Öffentlichkeitsarbeit, eine Inszenierung „sterben zu lassen“ (wirklich wahr, hab ich schon erlebt), da platzt dem Schauspiel nach der erneuten Samstagsprobe bei ner doofen Bemerkung mal der Kragen, da wird der Jugendclub zum Spielball eines Egokrieges. Kunst – und das ist Theater ja nun mal – macht im positiven Sinne intuitiv, ab und zu aber eben auch mal impulsiv. Aber meist wird nicht gelernt, das Ganze zu reflektieren. Selten wird da wertschätzende Kommunikation angewandt. Selten werden Kompromisse als Erfolge, stattdessen eher als halber Verlust gezählt. Im professionellen Rahmen schon zweifelhaft. Im privaten Leben erst recht.
So will ich kein Theater nach außen tragen.
Denn Theater ist auch ein Ort von immenser Freiheit. Von Neugier, Ausprobieren, Forschen, Entdecken. Von Ausdruck und Eindruck. Von persönlichem Wachstum und Reflexion, von Begegnung und Austausch. Theater ist gesehen werden und eine Bühne bekommen. Und um das in der Gesamtheit zu vermitteln, braucht es nicht nur ein paar nette Raumläufe und andere Methoden, es braucht Haltung.
Wie soll ich denn der Schülerin mit Lampenfieber die Angst nehmen, wenn ich eben noch über ihr Klassenstück abgelästert habe? Wie soll ich pubertierenden Jugendlichen einen Klassiker vermitteln, wenn ich keinerlei Bezug zu ihrer Lebenswelt herstellen kann? Wie soll ich inklusive Projekte entwickeln, wenn ich nicht auch mal zu denjenigen gehe, die nicht ins Theater kommen? Wie soll ich einen Jugendspielclub empowern wenn ich in mir Adultismus verwurzelt habe? Kann man bestimmt alles theoretisch lernen irgendwo. Kann man bestimmt nette Methoden zu auf ImproWiki finden. Wird aber nur bedingt was bringen. Denn das, worauf es in der Begegnung, in den oben genannten Situationen ankommt, ist die eigene Haltung.
Und die kannst Du nicht lernen. die kannst du nur immer und immer wieder reflektieren. Dir dazu Werkzeug aneignen. Eigene Erfahrungen machen. Wieder reflektieren. Politisch sein. Dich mit Didaktik und Menschenbildern, Scham (unsere größte Herausforderung!) und anderen Gefühlen, Menschen, Körpern und Pädagogik auseinandersetzen. (Und nebenbei noch Handwerkszeug lernen, um im Zweifelsfall Regie, Schauspiel, Bühnentechnik, Maske, Kostümabteilung, Einlass und Inspizienz gleichzeitig zu sein.)
Als Theaterpädagogin bin ich Visionärin, Mutmacherin, Kreativkopf, Brückenbauerin, Einladungsaussprecherin, Raumhalterin, Begleiterin, Denkanstoßgeberin, Anleiterin, Theaterliebhaberin, Bühnengeberin, Zuhörerin (und manchmal auch Zuschauerin), Theaterindiweltherausträgerin, Fragenstellerin, Workshopideenfontäne, Indietastenhauerin, Kulturtaxi, Wegbegleiterin und Möglichmacherin.
Ich arbeite ressourcenorientiert statt defizitorientiert.
Ich arbeite auch mit alten Menschen pädagogisch und nicht nur mit Kindern.
Ich öffne Türen und sichere Räume.
Ich bringe mich ein und halte mich zurück.
Ich bin neugierig auf die Menschen statt sie in Kategorien zu stecken.
Ich reflektiere auch mich selbst statt nur andere zu kritisieren.
Ich stelle Fragen statt auf alles eine Antwort zu haben.
Ich bin Theaterpädagogin.
Und das formuliere ich so für mich. Das ist mein Berufsverständnis, meine Haltung. Das soll weder andere Varianten schlechter machen noch anderweitig irgendetwas werten. In der Kunst gibt es sowieso kein „richtig“ oder „falsch“. Das ist ja auch das Schöne an diesem Arbeitsfeld.
Love, Fredi x
PS: Alle oben genannte Beispiele habe ich persönlich erlebt. Ich habe sie, weil allgemeingültig, bewusst neutral formuliert, doch wäre das generische Maskulinum an dieser Stelle sogar wahr. Zufall?!
