Früher, also bei den alten Griech*innen, wurde im Theater am Ende eines (damals noch viel längeren) Stückes auch geklatscht und mit den Füßen auf den Boden getrommelt, um all diejenigen aufzuwecken, die während des Spiels eingeschlafen sind. Da treffen zwei Extreme aufeinander: Ekstase und absoluter Ruhezustand.
Während meiner Zeit in England, wo die Applausordnung um einiges kürzer ausfällt bevor das Publikum mit Musik rausgeschmissen wird, bin ich oft völlig aufgedreht und unausgeglichen aus dem Theater gegangen. Ich brauchte dann Stunden, um wieder herunterzukommen, musste mich körperlich austoben oder ganz viel plappern. Auf jeden Fall irgendwas rauslassen. Es war, als hätte man mir versagt, mich auszudrücken nachdem ich stundenlang etwas auf mich wirken lassen habe. Ich brauche den Applaus – als Zuschauerin!
Applaus ist ein Ventil.
Durch Applaus kann ich Anspannung abbauen.
Durch Applaus kann ich mich ausdrücken, nachdem ich so viel aufgenommen (rezipiert) habe.
Durch Applaus kann ich Dankbarkeit und Wertschätzung signalisieren. Und ich meine jetzt nicht den Applaus für Klinikpersonal.
Durch Applaus kann ich Dankbarkeit und Wertschätzung signalisieren. Und ich meine jetzt nicht den Applaus für Klinikpersonal.
Und das zeigt so wunderbar, wie wichtig Yin und Yang, aufnehmen und ausdrücken, Ruhe und Energie im Leben sind. Nur das eine funktioniert nicht. Es braucht beides. Und alles dazwischen!
Immer nur rausballern, arbeiten und auspowern funktioniert genau so wenig wie dauerhaft nur Informationen aufnehmen, sich berieseln lassen, passiv sein. Versteh mich nicht falsch, phasenweise ist das völlig okay. Aber eben nicht dauerhaft. Und von einem Extrem ins Andere ist vielleicht auch nicht immer so gut. Deswegen liebe, liebe, liebe ich diesen Moment der Stille zwischen dem letzten Satz, der auf der Bühne fällt, und dem ersten Klatscher aus dem Publikum. So verhält es sich bei mir auch mit Urlaub und Wochenenden. Eine Vollbremsung von 100 auf 0 aus dem beschäftigten Alltag in die Entspannung oder andersherum aus dem Urlaub in die Arbeit stürzen funktioniert für mich einfach so gar nicht. Es braucht Übergangsphasen.
Es braucht die wertvolle Stille vor dem Applaus.
Und ich brauche Ventile. In beide Richtungen. Sozusagen für den Druckausgleich. Ich muss immer wieder was aufnehmen können und was rauslassen können. Glücklicherweise habe ich mit der Zeit meine Ventile gefunden. Applaudiere gegebenenfalls auch zu Hause am Ende eine Stückes aus der National Theatre-Mediathek oder eines Films, verleihe meiner Begeisterung durch Worte Ausdruck, tobe mich aus indem ich tanze, bastle oder noch mal eine Runde raus gehe. Und ich weiß, wie ich mir Input hole; höre Podcasts, lese, führe Gespräche, gehe ins Theater, gehe dorthin, wo viele Menschen sind. Wir alle haben solche Ventile. Wir alle nutzen sie mal mehr, mal weniger bewusst. Diese Fragen können Dich dabei unterstützen, über Deinen „Druckausgleich“ zu reflektieren.
Wann hast Du das Gefühl, Dein Out- und Input sind besonders ausgeglichen?
Brauchst Du mehr Ventile nach innen oder nach außen?
Wenn Du Phasen von besonders viel Output hast, wie kannst Du dann für Dich sorgen?
Welche Übergangsrituale bereichern Deinen Alltag?
Woran merkst Du, dass Du gerade im Ungleichgewicht von Applaus und Zuschauen, von Input und Output bist?
Schreib dazu in Dein Journal, denk einfach drüber nach, wähle eine aus und schreib sie auf einen Klebezettel, meditiere dazu – kurz gesagt: Schau, was Du damit machen möchtest!
Ich wünsche Dir alles Liebe,
Frederike
