Die Geschichten vom Neinhorn sind aus meiner Arbeit nicht mehr wegzudenken. So war es also keine Überraschung, dass ich das dazugehörige Kartenspiel letztes Jahr zu meinem Geburtstag bekam. Nach exzessivem Spielen zu Hause landeten die Karten ganz intuitiv in meiner Kliniktasche (mit der ich meine Materialien jede Woche mit ins Kinderkrankenhaus nehme) – zunächst nur für eine bestimmte Situation und zum Ausprobieren. Mittlerweile kann ich mir keinen Kinderonkologiebesuch mehr ohne die Neinhornkarten vorstellen. Und das nicht nur, weil wir damit so viel Spaß haben, sondern auch, weil ich mit diesem Material so einige Stärken mit sich bringt:
- mit den Tieren lassen sich spielerisch innere und äußere Haltungen erklären bzw. einführen
- anhand der Impulse lassen sich Gesten und Mimik etablieren
- das Neinhorn empowert, mit Überzeugung „nein“ zu sagen
- Kreativität und Reaktionsfähigkeit werden angeregt
- im Spiel entstehen vielfältige Reflexionsimpulse
- im Krankenhauskontext können Situationen geschaffen werden, in denen Widerspruch spielerisch ausgedrückt werden kann
- in vielen Situationen können die Kinder selber bestimmen oder die Spielvariante vorgeben (das und der obere Punkt sind besonders wertvoll für die Selbstwirksamkeit im mehr oder weniger fremdbestimmten Krankenhauskontext)
- die Karten lassen sich zweckentfremden 😉
Selbstverständlich ist das Spiel nach Anleitung auch super. Ich nutze das tatsächlich auch gerne als Einstieg um die Figuren mit den Kindern kennenzulernen und bei neuen Patient*innen das Eis zu brechen. Mit der Zeit habe ich jedoch ein paar theaterpädagogischere Wege gefunden, die Karten zu nutzen. Vielleicht ist das so eine Berufskrankheit, Materialien zu zweckentfremden. Aber vor allem ist es auch nachhaltig: das Material wird auf unterschiedlichste Weisen genutzt und wir können über eine längere Zeit in die Themenwelt eintauchen. Genau so, wie die Kinder in der Klinik die Spielregeln für uns abwandeln, kannst Du das natürlich auch mit diesen Vorschlägen machen.






Dialoge legen
Das NEINhorn sagt „nein“. Der WASbär fragt „was?“. Die WARUMmel fragt „Warum?“. Die KönigsDOCHter protestiert. Der HÄmster versteht die Welt gerade nicht. Dem NaHund ist alles egal. Aus diesen sechs Karten ergeben sich die witzigsten und sinnlosesten Dialoge. Was wäre, wenn Ihr die Karten bewusst auswählt und die Dialoge nicht nach Reihenfolge der Spielkarten, sondern nach Witzigkeit legt? Nehmt Euch einen kleinen Stapel und verteilt sie gleichmäßig unter allen Spielenden. Die Person mit der schnellsten Idee fängt an und legt die erste Karte. Dann wählt der*die nächste, wie/mit welcher Karte darauf geantwortet werden soll. Legt die Tiere im Spielverlauf am besten nebeneinander, damit Ihr das Gespräch nachverfolgen könnt.
Wenn Ihr wollt, könnt Ihr Euch am Ende Überlegen, was die gesprochenen Reaktionen ausgelöst hat, quasi rückwendend die Geschichte dazu erfinden. Worüber wird sich gestritten? Was ist dem Vorausgegangen? Wer ist alles beteiligt? Vielleicht helfen Euch dabei ja Story Cubes oder Dixit-Karten.
zwischen den Haltungen wechseln
Wenn Ihr für jede Figur eine Haltung gefunden habt, könnt Ihr spielerisch wechseln! 🙂 Dafür gibt es einige Möglichkeiten. Spielt das Ursprungsspiel im Stehen und nehmt neben den Worten auch Eure Körper dazu.
Legt Euch gegenseitig eine kleine Reihe von Karten und die jeweils anderen machen die entsprechenden Haltungen in der gelegten Reihenfolge.
Oder – für alle, die es gerne wuselig und im Raum verteilt mögen – nutzt verschiedene Flächen oder große Objekte im Raum (Stapelsteine, Reifen oder Matten auf dem Boden verteilt zum Beispiel) und legt dort jeweils eine Karte an oder in das Objekt. So könnt Ihr eine Art Stuhltanz machen und auf welchem Objekt Ihr auch immer landet, die entsprechende Haltung nehmt Ihr ein. Oder Ihr baut Euch eine Art Parcours, einen Pfad der Haltungen. Wichtig dabei: Lass das Kind/die Kinder die Karten den einzelnen „Stationen“ zuordnen, damit sie selbst bestimmen und kreativ tätig werden können. Mit so kleinen Möglichkeiten stärken wir künstlerische Entscheidungen und Selbstwirksamkeit spielerisch.
Gesten-Pingpong oder Gesten-Kreis
Findet für jede Karte eine prägnante Geste – entweder demokratisch, also dass Ihr Euch auf eine gemeinsame Variante einigt, oder jede*r findet für sich selbst eine (wichtig: nicht vormachen, sondern eher mit offenen Fragen helfen, wenn nötig!) und Ihr einigt Euch am Ende auf eine kleine Bewegung. Stellt Euch dann gegenüber oder im Kreis auf. Eine Person fängt an, eine der Gesten „normal“ auszuführen. Der nächste Mensch versucht, sie zu kopieren, macht sie aber ein kleines bisschen größer. So spielt Ihr weiter hin und her, bis es komplett übertrieben und riesengroß ist, sodass es nicht mehr zu steigern ist. Dann könnt Ihr Euch eine neue Bewegung raussuchen. Das Ganze geht auch im Gegenteil, indem Ihr immer kleiner werdet in Euren Bewegungen bis man kaum noch etwas erahnen kann.
So könnet Ihr Euch langsam aus Eurem Schneckenhaus herausspielen, Präsenz stärken und dürft mal so richtig übertreiben.
Für jedes Tier eine Haltung finden
Wie steht ein gleichgültiger NaHund? Wie sieht die KönigsDOCHter aus, wenn sie immer wieder „doch!“ sagt? Nehmt Euch nach und nach eine Karte vor und sucht eine Körperhaltung für die jeweilige Figur aus? Was machen die Arme, die Beine, die Körperspannung, die Schultern? Wohin geht der Blick? Findet alle eine eigene Körperhaltung und probiert dann, den „Text“ der Figur zu sprechen? Verändert sich vielleicht sogar Eure Stimme? Was macht das mit Eurer Stimmung? Welche Gesten, also Arm- und Handbewegungen, passen dazu?
Reflexion: eine Karte/ein Tier zur eigenen Stimmung finden
Welches Tier passt gerade zu Deiner Laune? Was würdest Du gerade am liebsten sagen? Wenn im Kartenspiel kein passendes Tier dabei ist, welches Tier passt dann zu Deiner Laune? Kannst Du vielleicht sogar eine*n neue*n Freund*in für NEINhorn und co erfinden? Kommt über die Tiere ins Gespräch und erfahrt vielleicht sogar etwas Neues über einander!
Reflexion: zu jedem Tier eine Situation/ein Gespräch finden
Wann hast Du zuletzt bockig „nein“ gesagt? In welcher Situation denkst Du Dir immer wieder „na und…?“? Kommt über die Worte der Tiere ins Gespräch zu eigenen Erfahrungen. Das kann mit größeren Kindern auch Ausgangspunkt für biografisches Theater oder das Theater der Unterdrückten nach Augusto Boal sein.
Spielregeln sind doch da, abgeändert zu werden! 😉 Also pass die Impulse Deinem Setting an – egal ob in Kita, Krankenhaus, zu Hause, in der Schule oder mit Erwachsenen! Ich wünsche Dir ganz viel Neugier dabei!
Alles Liebe,
Frederike
